Marie,Hamburg, 4. August 2012 

Wir haben das Auto abgestellt und sind nun in der kleinen Friedhofsgärtnerei. Ich habe Angst, ans Grab meines Vaters zu gehen. Irgendwie weiß ich, dass ich ihm dort begegnen werde. Oder auch mir. Oder vielleicht ist das gar kein Widerspruch. Ich werde ihm begegnen und damit gleichzeitig mir selbst. Spinne ich jetzt total? Ihm und mir begegnen? Ich bin nicht er. Ich bin kein Monster. Ich bin ein Mensch. Es fällt mir schwer, das alles so zu trennen. Klar zu bekommen. 

Meine Mutter geht neben mir, hat die Gießkanne aufgefüllt, um die gepflanzten Blumen zu gießen. Es war sehr heiß in letzter Zeit. Wem werde ich also begegnen, wenn ich ans Grab komme? Werde ich fühlen, dass seine Seele nicht unter dem Stein liegt, sondern schon entflogen ist? Hatte er überhaupt eine Seele, der Scheißkerl? Ich wünschte, ich könnte ihm sagen, was er mir wirklich angetan hat. Ich glaube nicht, dass er das weiß. Niemand weiß es. Es sei denn, er hat es erlebt. Dieser Vertrauensmissbrauch. Dieses Gefühl, der wichtigste Mensch zu sein, wichtiger als die Mutter, die Schwester. Nur um dann festzustellen, dass das alles eine Lüge war. Eine Lüge, die den Sinn hatte, dass er sich an mir schadlos halten konnte. Aber da gab es auch den Papa, der lieb war. Der mit mir gesungen hat, der mir Geschichten vorgelesen hat, damit ich einschlafen konnte. Der mit mir in den Keller gegangen ist, wenn ich Angst hatte. Der mich getröstet hat, wenn Mama das nicht konnte. Wie kann ich ihn immer noch lieben, nach alledem? Ich verstehe das nicht. „Vielleicht kann Marie mir eines Tages verzeihen.“ Das waren seine letzten Worte. Das hatte er zu Mama gesagt. Das soll mich jetzt trösten? – Verdammter Wichser. 

„Marie, da vorne ist es. Alles in Ordnung?“ 

„Ich weiß nicht, Mama. Kannst du die Schnittblumen nehmen? Ich möchte mich gern bei dir einhaken.“ 

Langsam nähere ich mich dem Grab. Der Grabstein ist oval, aus hellem Marmor, geschwungen und gleichzeitig gerade. Als könnte man mit ihm wegfliegen. Mein rechter Arm hakt sich fester ein, will nicht, dass meine Mutter auch nur einen Schritt ohne mich tut. Mir wird schwindelig. Ich fühle, wie der Boden unter mir wegsackt. Fühle, wie die Grabplatte auf mich zurast und ich mich mit der Hand abstütze, um nicht mit dem Gesicht darauf zu knallen. 

„Marie!“ 

Ich spüre ein Gesicht neben meinem. Meine Haare werden mir aus dem Gesicht gestrichen, eine Hand berührt mich an der Schulter, dann ein Körper auf meinem. 

„Marie.“ 

Diesmal sanfter. Ich klammere mich an den Grabstein, will ihn nie wieder loslassen, weine und schreie: „Wieso hast du das getan?“ Ich werde geschüttelt. Jemand versucht, mich loszureißen. Ich wehre mich. 

„Lass mich. – Lass mich!“ 

Dann breche ich zusammen, von Tränen geschüttelt. Die Arme greifen fester zu. Diesmal schaffen sie es, mich dem Grabstein zu entreißen. Und drehen mich zu sich. Dann spüre ich nur noch die Wärme meiner Mutter. Ihren Herzschlag, ihr Kinn auf meinem Kopf, ihre Hände um meinen Kopf herum geformt. So als wolle sie mich beschützen. Beschützen vor dem, was bereits passiert ist. Und nicht mehr rückgängig gemacht werden kann. Ihre Arme umfangen mich und diesmal lasse ich mich fallen. Fallen in diese Umarmung, auf die ich so lange gewartet habe. Die bedeutet: Alles wird gut. Auch wenn das nicht stimmt, aber im Moment will ich es glauben. Muss es glauben. 

Wir bleiben so verschlungen, bis ich ruhiger werde. Wieder ruhig atme. Langsam weiß ich wieder, wo ich bin. Ich bin am Grab meines Vaters. 

„Warum hat er das getan, Mama?“ 

Meine Mutter drückt mich fester an sich, fester als sie es jemals getan hat. Sie schweigt. Mein erwachsenes Ich hat längst verstanden, warum mein Vater es getan hat. Hat verstanden, dass er sein Muster an mir wiederholt hat. Aber es ist die kleine Marie, die hier fragt: Mama, warum hat er das getan? Nach all den Jahren ist es die kleine Marie, die ihre Mutter das fragt, was sie all die Jahre hatte fragen wollen. Aber meine Mutter hat keine Antwort für die kleine Marie. Die Antwort gebe ich ihr. Er hat dir wehgetan, weil auch ihm wehgetan wurde. Sie überlegt kurz, dann nickt sie und ist zufrieden mit der Antwort. 

Jetzt bin ich mir eine gute Mutter. Die Mutter, die meine Mutter mir nicht sein konnte. Und die kleine Marie dankt es mir. 

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